Was Ist Freundschaft Essays

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„Euer Freund ist die Erfüllung eurer Bedürfnisse.“
Khalil Gibran (Der Prophet)

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“
Antoine de Saint-Exupéry (Der kleine Prinz)

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LESETIPP – UPDATE Am 29.12.2011: haben Sie Freunde?
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Was ist Freundschaft – für mich? In Erwartung meines 20-jährigen Abitreffens, in Auseinandersetzung mit Beziehungsformen im Social Web sowie angeregt durch eine lebhafte Diskussion unter Freunden/innen zum Thema „Freundschaft & Verantwortung“ hatte ich vor genau sieben Tagen über Twitter eine kleine Umfrage“ gestartet…

Hier die Auflistung der Antworten:

Was assoziierst Du mit dem Begriff „Freundschaft“?
48x = auch in schweren Zeiten füreinander einstehen und bereit sein, Verantwortung zu übernehmen
46x = wissen, dass die Vertrautheit bleibt, egal, wie wenig man sich sieht
37x = über alles reden können
37x = sich ruhig auch mal die Meinung sagen und dem/der anderen in den Hintern treten
30x = hab ich maximal zwei, drei – der Rest sind Bekannte
29x = braucht lange, um mehr als eine Bekanntschaft zu sein
28x = gemeinsam etwas (sei es Kultur oder Natur) erleben
18x = Ich hab auch als Erwachsene(r) immer noch eine(n) „beste(n) Freund(in)“
17x = sich bewusst regelmäßig exklusiv zu zweit treffen
14x = öfters mal zusammen einen drauf machen (Paaaaady!)
12x = ein gemeinsames Hobby pflegen
8x = gemeinsam in Urlaub fahren
7x = zusammen Sport treiben
3x = sich möglichst oft sehen oder sprechen

[Mehrfachantworten waren möglich! Leider weist twtpoll nicht aus, wie viele Personen mitgemacht haben. Meinen Beobachtungen des Verlaufs zufolge gehe ich davon aus, dass nahezu jeder die meistgenannte Antwort („Verantwortung übernehmen“) angekreuzt hat, sprich 48 Stimmen entspricht quasi 100%.]
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Ich stelle fest, dass meine Vorstellungen von Freundschaft teilweise ganz schön abweichen von den Umfrage-Ergebnissen. Auf der anderen Seite scheint einen gewissen Konsenz zu geben, was Freundschaft ist, als ob bestimmte Elemente gegeben sein müssen, um einen Kontakt zwischen zwei Menschen als Freundschaft zu bezeichnen. Hier meine Thesen dazu:

1. Freundschaft erweist sich & Freundschaft überdauert.
Ob jemand mein Freund ist, weiß ich erst, wenn es a) hart auf hart kommt oder wenn ich b) ihn lange nicht gesehen habe: Hält er dann a) zu mir – der klassische Freundschaftsbeweis – bzw. sind wir uns dann b) schnell wieder vertraut, dann ist’s wahre Freundschaft! Bis diese beiden Fälle eintreten – a) Krise oder b) Wiedersehen nach langer Auszeit -, kann ich nur hoffen, dass es so sein wird, wissen tu ich’s (noch) nicht… Das sehen die UmfrageteilnehmerInnen genau so wie ich. Diese beiden Aspekte gehören scheinbar zum Kern des Begriffs. Damit ist in meinen Augen auch gemeint: Ein Freund verlässt einen nicht. Freundschaft überdauert – schlechte Zeiten genau so wie Trennungen. Treue scheint ein wesentliches Element von Freundschaft zu sein.

2. In einer Freundschaft darf ich mich zeigen.
…und das tue ich, indem ich von mir rede und mit meiner Meinung nicht hinterm Berg halte. Nur wer das aushält, was ich zu sagen habe, ist mein Freund. Basta. 77% der Befragten sind mit mir da einer Meinung.

3. Freundschaft ist selten.
Als ich auf Twitter mein Netzwerk um Statements zum Thema Freundschaft bat, bekam ich tatäschlich eine einzige Antwort – und die lautete bezeichnender Weise auch noch: „Freundschaft ist selten!“ (@Ralf_Stegner) Tja. 62% der Umfrageteilnehmer/innen finden, dass es lange dauert, bis sie jemanden einen Freund nennen, und dass sie davon maximal zwei bis drei haben – der Rest sind Bekannte. Und auch ich finde, dass Freundschaft nicht von heut auf morgen entsteht – auch wenn ich schnell Sympathie, gar Seelenverwandtschaft empfinden und mich ein Mensch durchaus spontan phaszinieren kann. Freundschaft bezeichnet für mich eine gewachsene, quasi gewordene Beziehung.

4. Freundschaft ist zweisam.
Das ist zumindest MEIN Verständnis von Freundschaft: Sie bezeichnet die Beziehung zwischen 2 Menschen (egal, ob man sich dann auch gern mal in Gruppenkonstellationen (Pärchentreff, Clique usw.) trifft)! Für mich braucht es daher auch die Pflege zu zweit – was für die Umfrageteilnehmer nicht so dringend zu sein scheint… Nur 17 von 48 kreuzen an, dass regelmäßige Treffen zu zweit zu einer Freundschaft dazu gehören.

5. Freundschaft ist lebendig.
Eine Freundschaft will aktiv gelebt werden – oder doch nicht? Nur 6% der Befragten haben angekreuzt, dass sie es anstreben, ihre Freunde möglichst oft zu sehen oder zu sprechen. Hm… Demgegenüber geben immerhin über die Hälfte der Befragten an, dass gemeinsames Erleben in einer Freundschaft wichtig ist.

6. Freundschaft braucht keine gemeinsamen Hobbies oder Sportvereine.
Zumindest lebe ich meine Hobbies oder meine sportlichen Leidenschaften nicht zwingend mit meinen Freunden/innen aus. Andersrum: Gemeinsame Hobbies oder Sport sind keine bestimmenden Elemente in meinen Freundschaften. Das sehenauch die Umfrage-Teilnehmer/innen so – und das meint auch: Freundschaft besteht jenseits von solch „oberflächlichen“ Gemeinsamkeiten.

Das führt mich zu meinem wichtigsten Punkt:

7. Freundschaft speist sich durch Liebe.
Ja, ich liebe meine Freunde/innen! Der Unterschied zu meinen Gefühlen in meiner Liebesbeziehung können manchmal tatsächlich marginal sein…

… und was denkst Du über Freundschaft?

P.S.: Wer ein bisschen mehr Hintergrundinformationen zum Thema Freundschaft benötigt, kann ja mal bei Wikipedia anfangen nachzulesen…

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Im Alter von 15 Jahren dachte ich, ich hätte mich in einen Jungen verliebt. Ich spürte etwas, das mehr war als Sympathie. Eine tiefe seelische Verbundenheit und das Gefühl, so angenommen zu werden, wie ich bin. Kurz fragte ich mich, ob ich meine sexuelle Orientierung vielleicht doch noch einmal überdenken sollte. Doch bald wurde mir klar, dass ich keinerlei Bedürfnis verspürte, mich ihm auch körperlich zu nähern (was sich bei Mädchen in diesem Alter schon anders verhielt). Zunächst war ich irritiert: Ist das jetzt platonische Liebe? Ich erinnere mich heute noch gut daran, wie ich mir dem Fahrrad durch Mainz fuhr, am Fastnachtsbrunnen vorbei – da hatte ich einen Moment der Klarheit. Was ich spürte, war keine Liebe. Sondern Freundschaft. Tiefe, innige Freundschaft.

Ich hatte auch vorher schon Freunde, aber bis dahin waren das einfach Kinder, mit denen ich spielen konnte. Sie waren da und wir spielten oder stritten. Oder ich spielte eben alleine. Erst mit 15 Jahren nahm ich Freundschaften als eine emotionale Bindung wahr und erkannte, was sie für mein Glück bedeuteten. Ich weiß nicht, ob es „normal“ ist, das erst in diesem Alter so zu spüren, aber es hat mir sicher nicht geschadet: Seitdem sind Freunde meine Standbeine im Leben. Mit mir kann es aufwärts oder abwärts gehen, ich weiß, bei wem ich Halt finde.

Weil Freunde für mich so wichtig geworden sind, habe ich schon oft gerätselt, wie Freundschaften entstehen. Ich habe inzwischen mehr als fünf verschiedene Freundeskreise und einige „Einzelfreundschaften“. Alle diese Menschen habe ich unter ganz verschiedenen Umständen kennengelernt: In der Nachbarschaft, in der Schule, im Ausland, im Studium. Es sind völlig unterschiedliche Charaktere; und wenn sie an meinem Geburtstag in unterschiedlichen Konstellationen zusammenkommen, bin ich jedes Mal wieder gespannt, ob sie sich verstehen. Es fällt mir schwer, Merkmale zu nennen, die alle gemeinsam haben. Höchstens: haben Abitur, sind politisch interessiert und eher links, dann hört es auch schon auf. Menschen mit diesen Eigenschaften gibt es wie Sand am Meer, warum sind ausgerechnet diese so wichtig für mich geworden – und geblieben?

Die plausibelste Erklärung dafür ist für mich, dass wir gemeinsam etwas erlebt haben, was uns zusammengeschweißt hat. Am deutlichsten ist das bei den Freunden, die mit mir in Malawi waren. Ich wurde dort in eine WG mit zwei anderen Deutsche gesteckt, mit denen ich fast nichts gemeinsam hatte. Zumindest hatte ich am Anfang diesen Eindruck. Am Ende des Auslandsjahres waren wir die besten Freunde und halten heute noch Kontakt. Während der Zeit in Malawi haben wir so viele Hochs und Tiefs zusammen durchgestanden, dass wir danach jede Stärke und jede Macke des anderen nur zu gut kannten.

So kann Freundschaft entstehen – aber auch unter wesentlich weniger abenteuerlichen Rahmenbedingungen. Wenn man einfach ein paar Jahre zusammen in die gleiche Klasse geht, zum Beispiel. Und doch teilt sich nach dem Abi recht schnell die Spreu vom Weizen: Es stellt sich heraus, dass der ein oder die andere eben doch nur ein netter Sitznachbar war und der Kontakt bald einschläft. Bei anderen habe ich es schnell vermisst, sie jeden Tag zu sehen.

Welche Verbindung muss man dafür zu einem Menschen aufgebaut haben? Man muss sich im wahrsten Sinne des Wortes „verstehen“ und einen ähnlichen Blick auf die Welt haben. Humor ist meiner Erfahrung nach ein wichtiger Teil davon, ebenso vergleichbare Ansichten in ganz grundsätzlichen politischen Fragen. Das sind die Voraussetzungen. Und dann muss man noch etwas zusammen erlebt zu haben. Sei es ein unvergesslicher Urlaub – oder einige der unzähligen Geschichten, die wir dem Alkohol zu verdanken haben.

Doch selbst wenn alles passt und eine Freundschaft entsteht, hält sie nicht immer lange. Um sie aufrechtzuerhalten, braucht es einen gewissen Einsatz von beiden Seiten. Vor allem, wenn man nicht mehr in der gleichen Stadt wohnt. Die Freundschaft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlafen, wenn man sich nicht beim anderen meldet und sich nicht trotz der Distanz ab und an besucht. Es ist wie in einer Beziehung: Wer nichts investiert, setzt das gemeinsame Glück aufs Spiel.

Freundschaft ist die kleine Schwester der Liebe. In langfristigen Beziehungen ist schließlich der Partner auch immer der beste Freund. Wenn ich Zuneigung zu meinen Freunden ausdrücken will, sage ich jedoch Floskeln wie „Schön, dich zu sehen“ oder „Lass mal wieder von dir hören“. Nur wenn ich betrunken bin, traue ich mich zu sagen: Ich liebe euch.

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